Eiseskälte und ein kaputter Zug

Gemeinsam mit HIMATE habe ich Geschichten über Gastfreundschaft gesammelt. Die Kurzversion gibt’s heute noch hier – die langen werden nach und nach hier bei mir veröffentlicht.

Von Estland über Georgien nach Vietnam und Australien, nach Togo und weiter nach Norwegen und Deutschland.

Estland

Mit der Zeit wird jedem Autofahrer das Rattern der Güterzüge in Estland und Lettland zu einem vertrauten Geräusch. Die schier endlosen Züge, die in der Regel voll mit Öl beladen aus Russland kommen oder eben leergetankt in die andere Richtung fahren, fahren in recht gemütlichem Tempo über die Gleise und ganz plötzlich hat man viel Zeit.

Ein entsprechend gemütliches Reisemittel sind demnach auch die Passagierzüge. Zeit spielt in der Regel keine Rolle auf den Schienen zwischen der lettischen Hauptstadt Riga und dem estnischen Tartu. Fünf Stunden für 250 Kilometer inklusive eines Umstiegs in die estnische Bahn am Bahnhof der Grenzstadt Valga. Aufgrund des günstigen Fahrpreises und meiner Nostalgie nahm ich die Dauer jedoch gerne in Kauf. Dennoch wollte ich gerne pünktlich mit meinen lettischen Gästen Zane, Liva und Gunta auf meiner eigenen Party in Tartu aufschlagen. Und dann das: Lettisch- und russischsprachige Durchsagen, hilfesuchende Blicke meinerseits und ein abrupter Stopp in Ieriki eine Stunde hinter Riga.

Ieriki - taken Tobbe_JK
Eiskaltes Ieriki. Foto: Tobias J. Koch

Es ging nicht weiter. Der Zug hatte eine Macke, die sich nicht vor Ort würde beheben lassen. Ein Ersatzzug musste her. Zwei Probleme: Erstens, der Ersatzzug musste erst in Riga losfahren, um uns wieder auf die Strecke zu bringen. Zweitens, die Zugverbindung nach Tartu wird nur zweimal pro Tag angeboten und wir hatten die Nachmittagsfahrt gewählt. Sprich kein Anschlusszug im estnischen Valga. Unsere Erschütterung hielt sich anfangs in Grenzen, mit der Zeit verflog unser Optimismus jedoch, denn im Zuginneren war es nicht viel wärmer als in der eisigen Winterluft draußen.

Mit cirka zweistündiger Verspätung kamen wir mit dem Ersatzzug im stockdunklen Valga an und verpassten wie zu erwarten den Anschlusszug. Typisch Deutsch und verwöhnt wie ich bin, bat ich meine Partygäste darum, die Schaffnerin zu fragen, ob uns die lettische Bahngesellschaft eine Taxifahrt erstattet. Bei einem Fahrtpreis von umgerechnet ca. 4,5 € ließen sich aber keine 100 € für eine Taxifahrt nach Tartu rechtfertigen. Alternativen? Keine. Der einzige Überlandbus, der noch fuhr, nahm keine weiteren Fahrgäste auf und so standen wir hilflos in Valga. Die Party würde einfach ohne mich stattfinden müssen.

Dann der brilliante Einfall. Meinen einzigen Kumpel in Tartu mit Auto, Lemmit, anrufen! Und tatsächlich, mein Partygast fuhr die 80 Kilometer nach Valga, wir drängten uns nach einem Imbiss beim lokalen Chinamann in seine orangene Konservendose und fuhren zu meiner Party. Riga Balsam hatten wir im Gepäck und Lemmit hatte zweifellos einen großen Schluck verdient. Äitah!

Geschichten, die euch noch erwarten:

Mia in Tasmanien

Kathrin in Oslo

Robert in Togo

Hier findet ihr eine Geschichte aus Vietnam und hier aus Georgien.

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2 thoughts on “Eiseskälte und ein kaputter Zug

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