Yahya Hassan und Die Angst nichts und niemandem vertrauen zu können

Seit dem Erscheinen seines Gedichtbandes “Yahya Hassan” im Jahr 2013 ist der Dichter Yahya Hassan ein Phänomen in Dänemark. Mit einer unglaublichen Energie hat er Gedichte geschrieben, die er landauf und -ab seinen Zuhörer_innen und Leser_innen entgegen schmetterte. Heute ist der 19-jährige Dichter nicht mehr aus der dänischen Öffentlichkeit wegzudenken, sein erster Gedichtband wurde über 100000-mal verkauft und nun nutzt er seine Bekanntheit, um Missstände in der dänischen Gesellschaft anzusprechen.

Seine Gedichte und Aussagen im Fernsehen, die sich unter anderem durch eine nie zuvor von einem Muslim gesehene Kritik an anderen Muslimen und dem Islam auszeichnen, sorgten für heftige Reaktionen und Drohungen. Letztlich führten sie sogar dazu, dass Hassan seit 2013 rund um die Uhr von Leibwächtern des dänischen Inlandsnachrichtendienstes PET bewacht wird. Der soziale Brennpunkt Trillegården in Århus in dem Hassan groß geworden ist, rückte in den Fokus der Öffentlichkeit und der ‘antiislamische’ Dichter wurde schnell vom rechten Flügel in Dänemark als Posterboy der Islamkritik auserkoren.

Instrumentalisieren lassen will sich Hassan jedoch nicht, schließlich geht es in seinen Texten nicht um eine Fundamentalkritik des Islam, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung mit seiner Herkunft in einem Umfeld, in dem Hassan viel Heuchelei und Scheinheiligket begegnet ist. Nach außen wird der Glauben gepredigt, doch hinter dem Rücken verliert der Glauben und die damit einhergehenden Werte an Bedeutung.

Der 19-jährige Dichter Yahya Hassan sorgt für Aufruhr in Dänemark. Foto: Wikimedia

Die Vertreter des rechten Flügels in Dänemark hingegen, die Yahya Hassan mit dem Erscheinen seines Buches gleich vereinnahmen wollten, dürften sich heute gehörig auf die Zunge beißen, denn Hassan macht keine Kompromisse. Nach 16 Monaten als gefeierter Autor und gefragter, sich nicht scheuender Kommentator hat Yahya eine Welt kennengelernt, in der er auf ebensoviel Heuchelei gestoßen ist, wie in der Welt in der er groß geworden ist. Im politischen und gesellschaftlichen Leben nimmt Hassan insbesondere an Steuerhinterziehung und der Arroganz der dänischen Elite Anstoß. In einem Interview mit der dänischen Tageszeitung Politiken sagt er:

“Die [Elite] will nichts zu tun haben mit der muslimischen Unterklasse oder dem durchschnittlichen Dänen. Der durchschnittliche Däne ist der Elite scheißegal. Ihr geht es viel besser, zahlt aber einen Witz an Steuern, während der durchschnittliche Däne bezahlt und bezahlt.”

Auch mit Kritik an der politischen Klasse spart er nicht. In kürzlich veröffentlichen Beiträgen auf Hassans Facebookseite liefert er sich einen heftigen Schlagabtausch unter anderem mit zwei Parlamentsabgeordneten und einem Schriftsteller und prangert ihre Doppelmoral im Bezug auf Meinungsfreiheit an. Der Streit eskaliert und Yahya Hassan präsentiert den Parlamentsabgeordneten Henrik Dahl in einem manipulierten Foto in einer SS-Uniform, woraufhin ihm vorgeworfen wird, zu weit gegangen zu sein. Hassan dazu:

»Gilt Meinungsfreiheit und Satire nur dann wenn Mohammed mit einer brennenden Lunte und einer Bombe im Turban dargestellt wird? Was ist denn der Unterschied zu Henrik Dahl in SS-Uniform? Die Bombe impliziert, dass Muslime automatisch Terroristen sind, während die SS-Uniform impliziert, dass Rechte gleich Nazis sind. Beides ist verkehrt und das wollte ich durch meine Illustration darstellen.«

Dass Hassan einen empfindlichen Punkt getroffen hat, zeigt sich in den zahlreichen Diskussionen in den dänischen Medien. Hassan hingegen legte gerade erst los. In einem weiteren Facebook-Update veröffentlichte er ein Foto von sich und der ehemaligen Parteivorsitzenden der dänischen Rechtspopulistin Pia Kjærsgaard selbstironisch unter dem Titel: “Damals als mir Pia Kjærsgaard einen Blowjob anbot. Ich nahm das Angebot an, habe das Bild aber bisher nicht veröffentlicht, da ich fürchtete, dass die Leute glauben würden, dass es um mehr als nur Sex geht.” (siehe Facebook)

Daraufhin platzte dem dänischen Schriftsteller Knud Romer in einer Fernsehdebatte der Kragen. Mit hochrotem Kopf bezeichnet er Yahya Hassan als Kriminellen und sprachlichen Gewalttäter, der erbarmungslos Leute beleidigt. Dahingegen analysiert die Filmregisseurin Lotte Svendsen knallhart, dass Hassans Online-Aktivitäten nur ein gewolltes Spiegelbild der vulgären Beleidigungen sind, die in dänischen Medien im Namen der Meinungsfreiheit veröffentlicht werden.

Diese Analyse trifft genau den Punkt, den Hassan mit seinen öffentlichkeitswirksamen Äußerungen in den Fokus rücken möchte, überall erblickt er Heuchelei und möchte sie mit seinem Eifer bekämpfen und ebenfalls an den Pranger stellen. Vor nichts, selbst dem dänischen Königshaus, schreckt er zurück. Im Interview mit Politiken, sagt er:

“Was macht der dänische Kronprinz bei dieser verfickten Beerdigung in Saudi-Arabien? Dort sind weiß ich wie viele Menschen geköpft worden. Die machen dort genau das gleiche wie Islamische Staat. Aber wir haben dort ja Geschäftsinteressen. Das ist ein Beispiel für Heuchelei.”

Passend zur digitalen Kritik an der omnipräsenten Heuchelei, las Yahya Hassan vor kurzem ein neues Gedicht mit dem Titel Ich Veerrtraue Niemandem. In einer 26-minütigen Wortkaskade listet Hassan auf, wie, wem und was er nicht vertraut und schafft somit einen Ausdruck für die Angst nichts und niemandem vertrauen zu können.

Hassan macht also genau dort weiter, wo er mit seinem letzten Gedichtband aufgehört hat. Er polarisiert, kritisiert, provoziert, spiegelt und macht es allen unmissverständlich klar: Ich lasse mich von nichts und niemandem vereinnahmen.

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Pia Kjærsgaard teilte dem Fernsehsender TV2 übrigens als Reaktion auf das Foto folgendes mit: “Herrgott, er ist doch einfach nur ein krimineller größenwahnsinniger Migrant. Er will nichts als Aufmerksamkeit. (…) Ob er eine kalte Dusche benötigt? Ja, vielleicht – aber ich werde sie ihm nicht geben.”

 

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