Der Trend fällt

Ein kleiner Kommentar zu Bartholomäus von Lafferts Reportage: Mein Mitbewohner, der Flüchtling, erschienen am 15.08.2015 auf tagesspiegel.de

Was für eine einfühlsame Reportage, die uns einen so menschlichen Einblick in das Leben jener Menschen gewährt, die vor Hass, Leid und Ungerechtigkeit fliehen und in unserer ‘freien’ Welt Zuflucht suchen. Sie zeigt, dass es die Bereitschaft für Zivilcourage in unseren Reihen gibt und wir den Trend umschlagen können, wenn wir ein wenig zusammenrücken und teilen.

Ich schätze Menschen wie Bartholomäus von Laffert, Toni und die Schlaforga, denn sie treten unvoreingenommen und spontan für das ein, was sie für richtig halten. Sie stellen sich der Herausforderung, über die ganz Europa in Quoten verhandelt. Ich bin stolz, wenn sich Menschen im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen einfach einmal richtig auskotzen, weil ihnen die geballte deutsche und europäische Ignoranz gehörig auf den Sack geht. Ich muss lächeln, wenn alteingestandene Fernsehprofis Tränen wegdrücken müssen und damit eingestehen, dass nur allzu selten jene unvoreingenommene Hilfe und Freundlichkeit gegenüber Menschen ausgeübt wird, die ihrer bedürfen. Ich bin verblüfft, dass ein vier-jähriger Junge für soviel Aufruhr sorgt, nur weil er sagt wie es ist, und damit viel weiser ist als jede/r gebildete Erwachsene, der/die Scheuklappen aufsetzt und weiter Stereotype bedient und aufgrund von Ethnizität, Religion, Geschlecht und Sexualität Unterschiede zwischen Menschen macht.

Ich habe die Hoffnung, dass das Momentum vor dem Hintergrund dieser positiven Botschaften umschlägt und Xenophobie und Neid sich für immer verabschieden. Ich bin mir sicher, dass jede/r Nazi und ignorante Mitläufer/in vor der Wucht der versammelten Hilfsbereitschaft einknicken wird, weil sie feststellen müssen, dass ihnen niemand mehr zuhört und sie vollkommen isoliert sind. Alles nur im entferntesten Rechte, im Sinne von intolerant, ignorant, dummdreist und brutal, darf keinen Raum in einer Gesellschaft bekommen, die Gleichheit und Gleichberechtigung auf Fahnen und Briefköpfen vor sich herschiebt.

Für ein tatsächlich grenzenloses Europa, in dem Vielfalt überall und immer gelebt wird.

‪#‎keinmenschistillegal‬

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Die gastfreundlichsten Menschen der Welt

Gemeinsam mit HIMATE habe ich Geschichten über Gastfreundschaft gesammelt. Die Kurzversion gibt’s heute noch hier – die langen werden nach und nach hier bei mir veröffentlicht.

Von Estland über Georgien nach Vietnam und Australien, nach Togo und weiter nach Norwegen und Deutschland.

Georgien

Slow travelling nennt Zane ihre Fortbewegungsart. Seit zweieinhalb Jahren ist sie unterwegs, ihr Zuhause in Lettland hat sie nur vergangene Weihnachten einmal kurz gesehen und ist dann wieder zurückgekehrt nach Bischkek, Kirgistan, wo sie momentan Kunst an einer internationalen Schule unterrichtet. Sie reist, weil das Leben so interessanter wird.

Tadschikistan, Georgien, Kirgisien, die Mongolei und Indien – viel ist sie herumgekommen und die meisten der Kilometer in Zentralasien wurden in einem alten russischen Minibus zurückgelegt. Über Stock und Stein ging es und Zane ist sich sicher, dass die gastfreundlichsten Menschen in Georgien leben.

“Die Georgier sind sehr religiös und als Gast wird man gerne mal als Geschenk Gottes angesehen”, sagt die 29-jährige und führt fort, “man wird wie ein König behandelt und niemand würde auch nur irgendwie auf die Idee kommen, Geld zu verlangen.”

So auch im Frühling 2013 als sich Zane und ihre vier Mitreisenden aus dem Iran, den USA, Großbritannien und Georgien mit eben jenem Bus auf matschigen Straßen zu einem alten Kloster im Algeti Nationalpark aufmachten und stecken blieben.

Der Minibus der Reisenden, die Handbremse wurde durch Steine ersetzt.  Foto von Zane Siliņa
Der Minibus der Reisenden, die Handbremse wurde durch Steine ersetzt.
Foto: von Zane Siliņa

“Wir haben selber versucht, das Auto freizuschaufeln, waren aber nicht sehr erfolgreich”, erzählt Zane. Also entschieden sie sich in das Dorf zurückzulaufen, das cirka zwanzig Minuten zu Fuß entfernt lag. Im Dorf angekommen traf der bunte Haufen auf Vazha, der geschäftig vor seinem Haus herumeilte. Sie baten ihn um Hilfe und er?

“Anfangs hat er uns erst einmal beschimpft, da er sich nicht erklären konnte, was wir hier verloren haben, im nächsten Augenblick hatte er uns aber bereits in sein Haus eingeladen.” Zane und ihre Reisegefährten blieben jedoch nicht die einzigen Gäste. Vazha sorgte dafür, dass ein Großteil des Dorfes zur Runde stieß. Außerdem stellte er den Reisenden Levan vor, der sich um das Auto kümmern würde.

“Levan hatte allerdings schon zu viel getrunken, deswegen konnte er uns an diesem Tag nicht mehr helfen. Wir feierten also mit dem Dorf und tranken weißen Wein aus riesigen fünf Literflaschen. Vazha hieß uns so herzlich willkommen in seinem Holzhaus und teilte den Männern und Frauen unter uns jeweils ein Zimmer zu. So blieben wir über Nacht”, erzählt Zane begeistert.

Vazha schenkt seinen Gästen Weißwein ein - Foto Zane Siliņa
Vazha schenkt seinen Gästen Weißwein ein. Foto: Zane Siliņa

Am nächsten Morgen trauten die fünf dann kaum ihren Augen. Levan hatte sich nach wenig Schlaf früh vor dem Aufstehen aller anderen auf den Weg gemacht, um den Bus eigenhändig freizuschaufeln. Das Auto war wieder fahrtüchtig und zur Feier des Tages wollte Vazha seine Gäste davon überzeugen, noch eine weitere Nacht zu bleiben: “Er wollte ein Schwein schlachten”, lacht Zane. Bleiben konnten sie allerdings nicht. Das Kloster haben sie auch nie erreicht, dafür haben sie echte georgische Gastfreundschaft erlebt.

 

P.S.: Wegen der kaputten Bremsen rutschte der Minibus übrigens in Kirgisien über einen Abhang zehn Meter in die Tiefe. Was normalerweise nur in Filmen passiert widerfuhr Zane und ihren Freunden. Sie konnte noch aus dem Auto springen und die anderen zogen sich glücklicherweise keine ernsthaften verletzungen zu!

Geschichten, die euch noch erwarten:

Mia in Tasmanien

Kathrin in Oslo

Robert in Togo

Hier findet eine Geschichte aus Estland und hier aus Vietnam.

Glückliche Herzen, volle Mägen und geflickte Reifen

Gemeinsam mit HIMATE habe ich Geschichten über Gastfreundschaft gesammelt. Die Kurzversion gibt’s heute noch hier – die langen werden nach und nach hier bei mir veröffentlicht.

Von Estland über Georgien nach Vietnam und Australien, nach Togo und weiter nach Norwegen und Deutschland.

Vietnam

25 Länder hat sie in den letzten vier Jahren bereist und sie ist keineswegs müde davon. Ginger Kern self-made woman aus den USA macht ihre Leidenschaft zur Profession und will ihre Mitbürger zum Reisen animieren: “Reisen bedeutet alles für mich, da ich so sehr davon profitiere. Ich kann verschiedene Lebens- und Ausdrucksformen kennenlernen. Reisen bedeutet Entdecken, aber auch Selbstverwirklichung und -entwicklung für mich.”

Ginger Kern: Gastfreundschaft kann so einfach sein
Ginger Kern: Gastfreundschaft kann so einfach sein

Dreieinhalb Jahre studierte und arbeitete Ginger in Deutschland, erst als Austauschstudentin, dann als Fulbright-Stipendiatin an einer Schule in Laubach, Hessen und danach im Bereich Kommunikation und Publishing in Frankfurt. Von Deutschland aus entdeckte sie Europa, doch bald zog es sie weiter nach Südostasien. “Ich war auf der Suche nach einem Ort, an dem die Menschen nicht so distanziert sind. Außerdem wollte ich Sonne und spannendes, würziges und frisches Essen probieren und all das habe ich Thailand, Kambodscha und Vietnam gefunden” , erzählt sie lächelnd.

Im Rahmen einer längeren Südostasien Reise besuchte Ginger 2014 Vietnam für zwei Wochen. Einen Nachmittag verbrachte sie mit einem Freund an einem Strand auf der Insel Phu Quoc. Während sie verträumt in den Sonneruntergang blickten und die Seele baumeln ließen, vergaßen sie die Zeit.

“Als wir uns wieder mit unserem Moped auf den Weg machten, waren bereits die Sterne am Himmel zu sehen. Die Gegend ist sehr ländlich geprägt und wenige Menschen leben dort. Natürlich musste gerade dort etwas passieren”, lacht sie und erzählt weiter, “ein Reifen unseres Mopeds platzte und wir wussten erst einmal nicht weiter.” Die beiden entschieden sich dafür, die Ruhe zu bewahren und begannen, das Moped durch die Dunkelheit zu schieben, bis sie auf eine kleine Hütte stießen. Die Hütte wurde offensichtlich von einer kleinen Familie bewohnt und die Gestrandeten, die nur Hallo, Bitte und Danke in Vietnamesisch sagen konnten, baten gestenreich um Hilfe.

“Ich sprach sie mit einem breiten Lächeln an, zeigte auf den Hinterreifen, zeichnete eine Zahl in den Sand, um zu zeigen, dass ich bereit bin für die Hilfe zu bezahlen und dann ging alles ganz schnell”, sagt Ginger rückblickend. Der Mann machte sich sofort an die Arbeit und die Frau lud Ginger und ihren Freund in die Hütte ein. Sie setzten sich und die Frau servierte den beiden ein leckeres Abendessen. Während des Essens erschien die Tochter, die in der Schule bereits ein bisschen Englisch gelernt hatte.

Sonnenuntergang bei dem man die Zeit vergisst. Foto: Ginger Kern
Sonnenuntergang in Phu Quoc, Vietnam. Foto: Ginger Kern

“Sie erzählte uns, dass sie neun Jahre alt sei und war so stolz darauf, mit mir der Amerikanerin und meinem Freund, einem Deutschen Englisch sprechen zu können. Die gesamte Situation war zugleich unwirklich und atemberaubend schön. Nach einer Stunde verließen wir die Hütte mit frohen Herzen, vollen Mägen und einem geflickten Reifen.”

Dieses Erlebnis bestärkt Ginger in der Annahme, dass Gastfreundschaft bedeutet, sich um Menschen zu kümmern, wenn man selber die Möglichkeit dazu hat. Gleichzeitig bedeutet Gastfreundschaft aber auch, es Menschen einfach zu machen einem selbst zu helfen. “Man zeigt Menschen was man braucht und bietet ihnen etwas im Gegenzug an. Ich glaube nicht, dass man in einer außergewöhnlichen Situation sein muss, um Gastfreundschaft erleben zu können” erklärt sie.

Auch in Boulder, Colorado, wo Ginger jetzt lebt, folgt sie diesem Verständnis von Gastfreundschaft und hilft gerne Menschen, die neu in der Stadt sind und Kontakt suchen. Letzten Endes bedeutet Ginger zufolge Gastfreundschaft doch einfach seinen Alltag zu teilen und Menschen willkommen zu heißen.

Ginger Kern ist Rednerin, Coach und Optimistin. Ursprünglich kommt sie aus dem Mittleren Westen, im Alter von vierzehn Jahren begann sie jedoch, inspiriert von einer Reise nach Italien, damit Pläne für ein Leben in Europa zu schmieden.  Bevor sie als Fulbright-Stipendiation nach Deutschland kam, studierte sie Deutsch, Französisch und Italienisch, 
 
Nach drei Jahren Arbeit im Ausland und Reisen in 25 Länder kehrte sie in die USA zurück. Jetzt lebt sie in Boulder, Colorado, und ist ein Global Shaper des Weltwirtschaftsforums. Sie ist die Gründerin der Plattform Traveler’s Mindset, die sich vorgenommen hat Amerikaner für das Reisen, Offenheit, Neugierde und Abenteuerlust zu begeistern.
 

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Hier findet ihr eine Geschichte aus Estland und hier aus Georgien.


Eiseskälte und ein kaputter Zug

Gemeinsam mit HIMATE habe ich Geschichten über Gastfreundschaft gesammelt. Die Kurzversion gibt’s heute noch hier – die langen werden nach und nach hier bei mir veröffentlicht.

Von Estland über Georgien nach Vietnam und Australien, nach Togo und weiter nach Norwegen und Deutschland.

Estland

Mit der Zeit wird jedem Autofahrer das Rattern der Güterzüge in Estland und Lettland zu einem vertrauten Geräusch. Die schier endlosen Züge, die in der Regel voll mit Öl beladen aus Russland kommen oder eben leergetankt in die andere Richtung fahren, fahren in recht gemütlichem Tempo über die Gleise und ganz plötzlich hat man viel Zeit.

Ein entsprechend gemütliches Reisemittel sind demnach auch die Passagierzüge. Zeit spielt in der Regel keine Rolle auf den Schienen zwischen der lettischen Hauptstadt Riga und dem estnischen Tartu. Fünf Stunden für 250 Kilometer inklusive eines Umstiegs in die estnische Bahn am Bahnhof der Grenzstadt Valga. Aufgrund des günstigen Fahrpreises und meiner Nostalgie nahm ich die Dauer jedoch gerne in Kauf. Dennoch wollte ich gerne pünktlich mit meinen lettischen Gästen Zane, Liva und Gunta auf meiner eigenen Party in Tartu aufschlagen. Und dann das: Lettisch- und russischsprachige Durchsagen, hilfesuchende Blicke meinerseits und ein abrupter Stopp in Ieriki eine Stunde hinter Riga.

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Eiskaltes Ieriki. Foto: Tobias J. Koch

Es ging nicht weiter. Der Zug hatte eine Macke, die sich nicht vor Ort würde beheben lassen. Ein Ersatzzug musste her. Zwei Probleme: Erstens, der Ersatzzug musste erst in Riga losfahren, um uns wieder auf die Strecke zu bringen. Zweitens, die Zugverbindung nach Tartu wird nur zweimal pro Tag angeboten und wir hatten die Nachmittagsfahrt gewählt. Sprich kein Anschlusszug im estnischen Valga. Unsere Erschütterung hielt sich anfangs in Grenzen, mit der Zeit verflog unser Optimismus jedoch, denn im Zuginneren war es nicht viel wärmer als in der eisigen Winterluft draußen.

Mit cirka zweistündiger Verspätung kamen wir mit dem Ersatzzug im stockdunklen Valga an und verpassten wie zu erwarten den Anschlusszug. Typisch Deutsch und verwöhnt wie ich bin, bat ich meine Partygäste darum, die Schaffnerin zu fragen, ob uns die lettische Bahngesellschaft eine Taxifahrt erstattet. Bei einem Fahrtpreis von umgerechnet ca. 4,5 € ließen sich aber keine 100 € für eine Taxifahrt nach Tartu rechtfertigen. Alternativen? Keine. Der einzige Überlandbus, der noch fuhr, nahm keine weiteren Fahrgäste auf und so standen wir hilflos in Valga. Die Party würde einfach ohne mich stattfinden müssen.

Dann der brilliante Einfall. Meinen einzigen Kumpel in Tartu mit Auto, Lemmit, anrufen! Und tatsächlich, mein Partygast fuhr die 80 Kilometer nach Valga, wir drängten uns nach einem Imbiss beim lokalen Chinamann in seine orangene Konservendose und fuhren zu meiner Party. Riga Balsam hatten wir im Gepäck und Lemmit hatte zweifellos einen großen Schluck verdient. Äitah!

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Hier findet ihr eine Geschichte aus Vietnam und hier aus Georgien.