Die Entscheidung der Familie Sender

Ich war alleine im Büro, als das Telefon klingelte, ich antwortete und eine ältere Dame stellte sich mir vor. Sie hatte die Nummer des Dänischen Lektorats der Universität Kiel gewählt, da sie die Hoffnung hatte, dass man ihr weiterhelfen könnte. Ein dänischer Journalist namens Jesper Clemmensen hatte sie und ihren Mann für seine Recherchen über Fluchtgeschichten Ostdeutscher über die Ostsee nach Dänemark interviewt. Clemmensens Recherchen waren jetzt gesammelt in dem Buch „Flugtrute Østersøen” in Dänemark erschienen und sie würde gerne das ihnen gewidmete Kapitel auf Deutsch lesen.

Spektakuläre, aber auch menschlich äußerst tragische Fluchtgeschichten erzählt Jesper Clemmensen in: Flugtrute Østersøen (Fluchtweg Ostsee).

Ich erklärte mich bereit ihr weiterzuhelfen und gegebenenfalls selber die Übersetzung des Kapitels zu übernehmen. Ich jubelte, bisher hatte ich nur für mich selbst Gedichte von Michael Strunge ins Deutsche übersetzt. Im Anschluss an das Telefonat versuchte ich mehr über Clemmensen und seine Arbeit herauszufinden. Schnell war ich auf der Website zum Buch gelandet und klickte mich durch die Seiten. Ich begann ein wenig im Vorwort zu lesen und war schnell gepackt von Clemmensens Weise diesen verdrängten Teil der deutschen Geschichte aus einer dänischen Perspektive zu erzählen. Und dann glaubte ich meinen Augen kaum:

„Gegen 20 Uhr rollt der Ostseeexpress aus Kopenhagen in Richtung Berlin in Gedser ein und stoppt kurz bevor er auf die Fähre „Danmark“ weiterfahren kann. Ein kompletter Wagon ist gefüllt mit Fußballspielern vom Ostberliner Erstligaklub SC Dynamo Berlin, die sich nach einem Spiel gegen Kopenhagen auf dem Rückweg nach Berlin befinden.“

Ich stutze kurz, denn Clemmensen schreibt über den 13. August 1961 und die Geschichte einer Ostberliner Fußballmannschaft in Kopenhagen kommt mir sehr bekannt vor. Ich las weiter:

„Als der Zug in Gedser anhält, schnappen sich Stürmer Emil Poklitar und Linksaußen Rolf Starost ihr Gepäck und verlassen den Zug.“ 

Steht da wirklich Rolf Starost? Mein Großonkel Rolf Starost? Ich glaubte es nicht, per Zufall erfahre ich über Clemmensens Arbeit und entdecke, dass er unter anderem über die Flucht meines Großonkels geschrieben und recherchiert hat; ich war begeistert und umso motivierter die Übersetzung von Fluchtweg Ostsee mit meinen Möglichkeiten voranzubringen.

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Nun, einige Jahre später, ist es Jesper und mir gelungen, einen Auszug aus dem Buch mit einem deutschen Verlag zu veröffentlichen. Der Berliner Independent Verlag mikrotext veröffentlichte am 08. März 2017 das Kapitel „Die Entscheidung der Familie Sender“ als E-Book. Genau 40 Jahre nach den tragischen Ereignissen, die sich damals auf der Ostsee ereigneten.

Vor 40 Jahren: Im März 1977 flieht die fünfköpfige Familie Sender aus der DDR in zwei Faltbooten über die Ostsee gen Dänemark. Was brachte sie zu dieser gefährlichen Entscheidung? Reportage über eine tragische Flucht.

Ich freue mich sehr, dass ein Teil Jespers unglaublicher Recherchearbeit nun auch auf Deutsch zu lesen ist. In Zeiten in denen wir uns unweigerlich mit Flucht und Flüchtenden auseinandersetzen müssen, ist es wichtig in den Spiegel zu gucken. Es ist nicht lange her, dass sich Deutsche in Situationen befanden, in denen ihre Freiheit so eingeschränkt wurde, dass sie sich nur mit äußerst drastischen Mitteln zu helfen wussten. Jespers Blick in die Geschichte erlaubt uns einen Einblick in die Psyche einer fliehenden Familie, er gibt den Namenlosen ein Gesicht und betrachtet die Thematik Flucht mit einer Menschlichkeit, die uns heute nur allzu oft verlorengeht.

„Die Entscheidung der Familie Sender“ könnt ihr unter diesen Links für 2.99 € erstehen:

Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia Weltbild, in vielen weiteren Shops und im Buchhandel.

Heute und morgen sind Jesper Clemmensen und Nikola Richter von mikrotext auf Einladung der Dänischen Botschaft live auf der Leipziger Buchmesse zu erleben. Weitere Infos zum Programm des Nordischen Forums hier.

Zitate oben aus: Clemmensen, Jesper: Flugtrute Østersøen, Gyldendal, 2012, s. 30. und aus der mikrotext Verlagsankündigung.

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Der bewegende Dichter

Schlaflied
von Henrik Nordbrandt

Kleines Kriegskind, wo gehst du hin?
Nach Osten oder Westen?
Wo in der Welt glaubst du
ein’ Freund zu finden?

Kleines Kriegskind, was passt dir am besten:
Die löchrige Decke?
Der Sperrholzsarg?
Oder eine der Rettungswesten?

Kleines Kriegskind, wo willst du sterben:
Dort, im Prasseln der Bomben
oder auf offener See?

Kleines Kriegskind, wo willst du hin?
Bestimm selbst. Nur komm doch
nie wieder in unseren Sinn.

veröffentlicht: 09.09.2015, http://politiken.dk/kultur/ECE2832968/et-digt-bryder-ind-i-verden/
ins Deutsche übersetzt: Tobias J. Koch

 

Das Bild des 3-jährigen Aylan, der am Strand von Bodrum angespült wurde, hat weltweit die Menschen bewegt. Auch dem 70-jährigen dänischen Dichter Henrik Nordbrandt, der nach eigenen Angaben eine prägende Zeit an jenem Ort verbracht hat, brannte sich das Bild ins Gedächtnis. Er setzte sich hin und verfasste einige Verse, mit denen die dänische Tageszeitung Politiken ihre gestrige Ausgabe aufmachte. Die Redaktion begründet diesen Schritt mit der Tatsache, dass schon häufiger Gedichte in Politikens Geschichte auf der Titelseite gedruckt wurden, wenn sie sich der Welt aufgedrängt haben. So geschah es auch mit dem gestrigen Aufmacher “Schlaflied”, der sich melancholisch-einfach Aylans Schicksal, dem vieler weiterer Kinder und damit auch insgesamt der Dramatik der derzeitigen Flüchtlingssituation widmet. In einem auf der Website veröffentlichten Video liest Nordbrandt das Gedicht und gibt in einem anschließenden Statement zu, dass das Gedicht sentimental sein mag, er aber gerade emotionale Reaktionen provozieren möchte, damit sich die Menschen engagieren und ihre Volksvertreter zum Handeln auffordern. Er ist damit einverstanden, das Gedicht unter dem Titel “Propaganda für eine gute Sache” einzuordnen, solange er damit einen Beitrag dazu leistet, seine Mitbürger bewegen.

Jener Intention möchte ich mich gerne anschließen und habe mir vor diesem Hintergrund die Freiheit genommen, das Gedicht ins Deutsche zu übersetzen, damit auch Deutschsprachige die Möglichkeit haben Nordbrandts’ sich aufdrängende Zeilen zu lesen und weiterzutragen. Falls die Rechteträger nicht einverstanden mit dieser Veröffentlichung und Übersetzung sind, bitte ich Sie mich per E-Mail zu kontaktieren (tobias.j.koch(a)gmx.de). Anschließend werde ich das Gedicht so schnell wie möglich von der Seite nehmen.

Anmærkning på dansk:
Jeg har tilladt mig at oversætte Henrik Nordbrandts digt “Vuggevise” til tysk, fordi jeg synes at det også skulle nå tysksprogede læsere. Hvis rettighedshaverne ikke er indforståede med at digten findes her på hjemmesiden på tysk, beder jeg dem venligst om at skrive en mail til tobias.j.koch(a)gmx.de og så vil jeg hurtigst muligt slette digtet fra siden.